Struktur

Die Struktur des Instituts

Die Praktische Theologie als jüngste der Disziplinen im Haus der Theologischen Fakultät fragt nach der Praxis des Glaubens inmitten der Gesellschaft der Gegenwart. Die Vielfalt unterschiedlicher Phänomene des Religiösen, die Vielgestaltigkeit christlicher und außerchristlicher Spiritualität, die Pluriformität des Glaubensvollzugs bieten den Hintergrund für jede praktisch-theologische Reflexion und machen dieses Fach zu einer besonders herausfordernden, facettenreichen, methodisch und inhaltlich vielgestaltigen Wissenschaft.

Dabei darf die Praktische Theologie nicht mit einem bloß handwerklichen Fach verwechselt werden, in dem man nur bestimmte Tipps und Tricks vermittelt bekommt, um für den pastoralen Dienst gewappnet zu sein. Sie stellt eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin dar, die in vielfältiger Weise an die anderen Disziplinen der Theologie aber auch der Nachbarwissenschaften (Erziehungswissenschaft, Sprachwissenschaft, Kunstgeschichte, Kulturwissenschaft, Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft, Soziologie) anschlussfähig ist. Gerade die Struktur des Leipziger Institutes soll dieser Gegenwartsorientierung Rechnung tragen.

Gleichzeitig steht die Praktische Theologie, wie vielleicht keine der anderen theologischen Disziplinen in der Gesellschaft und beim Menschen. Ohne ihre konkrete Rückbindung an Pfarr- oder Lehramt, würde sie mit ihren verschiedenen Teilgebieten der Predigtlehre (Homiletik), der Lehre vom Gottesdienst (Liturgik), der Seelsorgelehre (Poimenik) und Gemeindepädagogik, der Kybernetik/Kirchentheorie und Diakonik möglicherweise als eine abstrakte Denkbemühung verstanden, wobei die Wirklichkeit in Kirche und Gesellschaft und die künftige berufliche Tätigkeit der Studierenden im pastoralen Dienst außerhalb des Blickfeldes blieben. In der Praktischen Theologie geht es somit um eine Theorie der Praxis, die einerseits zu einer kritischen Reflexion des geschichtlich gewachsenen und gegenwärtigen kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens anleitet und die andererseits die wissenschaftlichen Überlegungen und Überzeugungen mit der gegenwärtigen und künftigen beruflichen und gemeindlichen Realität vermitteln hilft.

Dieser Doppelaufgabe stellen wir uns im Institut für Praktische Theologie bewusst. In Vorlesungen, Seminaren und Übungen kommen Phänomene des Glaubensalltags und ihre Reflexion in einem beständigen Wechselspiel methodisch zur Geltung. Neben praktischen Elementen der Ausbildung sollen zukünftige Pfarrer und Pfarrerinnen, genauso wie Religionslehrer und Religionslehrerinnen, aber auch wissenschaftlich ambitionierte Theologinnen und Theologen an die Problemfragen des Verhältnisses von Kirche in der Gesellschaft herangeführt werden.

Gegenwärtig arbeiten wir im Institut im Miteinander dreier Spezialisierungen: Der Lehrstuhl für Praktische Theologie hat die Breite des gesamten Faches im Blick, konzentriert sich aber insbesondere auf die Predigtlehre (Homiletik) und die Lehre vom Gottesdienst (Liturgik). Eine Professur widmet sich vor allem der Seelsorgelehre (Poimenik) sowie der christlichen Spiritualität. Die Abteilung Religions- und Kirchensoziologie nimmt die Phänomene kirchlichen und religiösen Lebens in einer empirisch-soziologischen Perspektive wahr. Die religionspädagogische Forschung wird seit 1992 in einem eigenständigen Institut für Religionspädagogik wahrgenommen.

Speziell das in Deutschland einzigartige, mit dem Lehrstuhl für Praktische Theologie strukturell verbundene Liturgiewissenschaftliche Institut der VELKD markiert einen Schwerpunkt der Arbeit unseres Institutes. Es nimmt liturgiewissenschaftliche Forschungsarbeit wahr, arbeitet an neuen Gottesdienstordnungen und an der Erneuerung von Agendenwerken mit und ist in der Aus- und Fortbildung aktiv. Außerdem bietet es im Verbund mit den Universitäten Halle, Jena und Erfurt einen ökumenischen Aufbaustudiengang Liturgiewissenschaft, der in naher Zukunft als (berufsbegleitender) Master-Studiengang ausgebaut werden wird. Eine weitere Besonderheit ist die Abteilung für Religions- und Kirchensoziologie, die ebenfalls in Deutschland in keiner anderen theologischen Fakultät in dieser Form zu finden ist. Diese beiden Schwerpunkte werden durch eine spezielle Beschäftigung mit dem Themenkreis der christlichen Spiritualität komplettiert,

Gegenwärtig sind am Institut in Forschung und Lehre für das Fach Praktische Theologie zuständig:

  • Prof. Dr. Alexander Deeg:
    Er ist vor allem als Homiletiker und Liturgiker engagiert. Gemeinsam mit Martin Nicol entwickelte er die "Dramaturgische Homiletik"; in seinen liturgischen Forschungen liegt ihm besonders eine theologisch begründete Ästhetik der Liturgie am Herzen. Darüber hinaus widmet er sich praktisch-theologischen Grundsatzfragen (theologische Ästhetik und praktisch-theologische Hermeneutik) und ist im Dialog mit dem Judentum engagiert. Gegenwärtig nimmt er in der Lehre auch gemeindepädagogische Aufgaben wahr. Er ist zugleich Leiter des Liturgiewissenschaftlichen Instituts der VELKD.

  • Prof. Dr. Peter Zimmerling:
    Er lehrt seit April 2005 Praktische Theologie in Leipzig mit Schwerpunkt Seelsorge und engagiert sich mit vielfältigen Lehrangeboten im Bereich der christlichen Spiritualität.

  • Ferenc Herzig (Wiss. Assistent)

  • Prof. Dr. Gert Pickel:
    Er ist Soziologe und Politikwissenschaftler und beschäftigt sich mit den pluralen Formen des Verhältnisses von Religion und Gesellschaft. Seine Schwerpunkte liegen in der Auseinandersetzung mit Phänomenen der Säkularisierung wie auch der Rückkehr des Religiösen und der Religionen.

Bei aller Unterschiedlichkeit der Forschungsthemen und Interessen der einzelnen Personen ist zu erkennen, dass die praktisch-theologischen Aufgaben von einem ähnlichen Verständnis der Theorie-Praxis-Beziehung her verstanden werden. Damit ist gemeint: Sowohl in der Lehre wie auch in bestimmten Forschungsprojekten spielen die empirische, phänomenologische und ästhetische Seite des Nachdenkens sowie die praktische Erfahrung eine wichtige Rolle. In der Lehre lässt sich dieses Profil gut an der Struktur der Seminare erkennen: Das Homiletische Seminar wird so gestaltet, dass jeder und jede Studierende in einem Gemeindegottesdienst zu predigen und die Liturgie zu gestalten hat. Im Katechetischen Seminar hospitieren die Studierenden in Gemeindegruppen, und sie halten auch in diesen Kinder- bzw. Jugendgruppen ihre "Katechese". Im Seelsorgeseminar werden Besuche bei Kranken zur Voraussetzung des gemeinsamen Lernens gemacht. Die in solchen praktischen Erprobungssituationen gesammelten Erfahrungen werden theologisch und humanwissenschaftlich aufgenommen und weitergeführt.

Zudem halten wir in Leipzig an einer alten Tradition fest, durch Überblicksvorlesungen umfassend über die verschiedenen Teilgebiete der Praktischen Theologie (Homiletik, Liturgik, Gemeindeaufbau/Kirchentheorie, Gemeindepädagogik, Seelsorge, Diakonik, Kasualien, Pastoraltheologie) zu unterrichten. Durch diese Breite sollen den Studierenden das nötige Basiswissen für ihre zukünftigen Aufgaben, aber auch wissenschaftlichen Ambitionen vermittelt werden. Daneben finden regelmäßig spezielle Übungen und (Block-)Seminare statt, in denen aktuelle Probleme thematisiert werden. Zum Studienangebot in der Praktischen Theologie gehören auch ein Proseminar zu Beginn des Studiums und ein Repetitorium gegen Ende.

Forschungsprojekte der letzten Jahre beschäftigten sich mit der Entwicklung von Religiosität und Kirchlichkeit im europäischen Vergleich, aber auch mit den Überlegungen zu einer Reform der derzeitigen Perikopenordnung. Daneben konnten Dissertationen aus unterschiedlichen Bereichen der Praktischen Theologie abgeschlossen werden: z.B. eine Arbeit über das Charisma als Grundkategorie der Praktischen Theologie. Verschiedene Publikationen befassten sich mit Fragen der ev. Spiritualität und Mystik (z.B. Studienbuch Beichte). Das Institut Praktische Theologie ist derzeit intensiv an verschiedenen interdisziplinären universitären Initiativen beteiligt. Unter anderem ist es eingebunden in die Graduiertenklasse "Säkularitäten: Konfigurationen und Entwicklungspfade" an der Research Akademie Leipzig.

letzte Änderung: 05.06.2015